Nichts für Landratten

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Was hält eine Besatzung auf hoher See zusammen? Ist es Teamwork? Die Expertise jedes Einzelnen? Oder doch der oberste Befehlshaber? Nun ja, im Prinzip stimmen alle hier angeführten Annahmen. Aber das Fundament bildet noch immer der Koch bzw. in unserem heutigen Fall der Smutje. Vor allem hier gilt eine anständige Mahlzeit auf dem Teller als wichtigste Grundlage für jede weitere maritime Handlung und hält die Moral der Besatzung aufrecht. Sprich, nach dem Kapitän folgt der Smutje. Vielleicht nicht in offizieller Reihenfolge, aber jeder ist sich dessen bewusst.

 

Gedanken eines Smutjes Teil 1

Logbuch / Karibisches Meer. 21. Mai, 1504. An Bord der SS Madeira. Die Wellen brechen an der Reling und biegen das durchnässte Holz, wie Schmiede ihre glühenden Eisen. Der Kapitän umklammert das Steuerruder mit seinen letzten Kräften und die restliche Besatzung, bestehend aus 12 tapferen Seeleuten, quält sich mit dem knarrenden Schiffsmast und den im Wind umherreißenden Segeln. Die Vorräte neigen sich dem Ende zu. Unsere Hühner sind nicht mehr. Und Fische sowie Seeschildkröten lassen sich bei diesem Wellengang nicht fangen. Hoffentlich meint es die See gut mit uns. Wie lange die Moral und die Kraft meiner Kameraden noch anhalten werden? Ich weiß es nicht. Es wird Zeit heimisches Gewässer anzusteuern. Aber der Kapitän hält Kurs, Richtung Panama. Goldene Kelche, silberne Münzen und exotische Gewürze … das gäbe ich jetzt alles für eine ruhige See und eine anständige Mahlzeit. Der Smutje João.

Ein Beruf mit Verantwortung

Der Smutje, oder auch Smut, Schmutt oder Schmuud genannt, ist für die Zubereitung aller Mahlzeiten an Bord verantwortlich.  Aber auch für den sogenannten Mittelwächter. Diese Mahlzeit wird kurz vor Mitternacht für den Teil der Besatzung serviert, der sich um die Bewachung des Schiffes kümmert. Das Wort Smutje kommt aus dem Norddeutschen und bedeutet so viel wie Schmutzfink. Der Schmuud ist aber nicht nur für die Zubereitung zuständig, sondern auch für den Einkauf der Lebensmittel. Dabei spielt das Gewicht des Schiffs eine wesentliche Rolle. Denn umso leichter es ist, desto schneller kommt es voran. Aber auch die Lagerhaltung muss in Fleisch und Blut übergegangen sein. Denn die Vorräte an Board müssen genauestens kalkuliert und der Speiseplan im Voraus erstellt werden. Der Smutje ist also weitaus mehr als nur ein Koch oder Kochlehrling auf einem Schiff.

Heute ist dieser Beruf zwar nicht mehr so gefährlich wie zu Kolonialzeiten, aber anstrengend ist er dennoch. Auf Kreuzfahrtschiffen hingegen, wird ein Koch nicht als Smut bezeichnet. Die Aufgaben sind aber die gleichen, wie die des Smutjes. Der Speiseplan fällt auf Kreuzfahrtschiffen etwas reichhaltiger und bekömmlicher aus. Von der Pizza bis hin zum 6-Gänge-Menü – die Gäste haben die Qual der Wahl. Auf Schiffen, die keine zahlenden Passagiere von einer exotischen Insel zur nächsten Idylle herumschiffen, stehen Eintöpfe ganz hoch im Kurs. Variiert wird dabei mit Fisch, Fleisch und Gemüse. Hauptsache die Mahlzeiten sättigen die hungrige Besatzung. Zeiten, in denen sich die Seefahrer-Krankheit Skorbut aufgrund von mangelnder Ernährung, wie ein Laubfeuer verbreitet hat, sind auch vorbei. Eine modernisierte Lagerhaltung lässt keine Mangelkrankheiten mehr zu.

Gedanken eines Smutjes Teil 2

Logbuch / Nord Atlantischer Ozean. 29. Mai, 1504. An Bord der SS Madeira. Die See ist ruhiger geworden. Viele unserer Vorräte sind durch die Nässe verdorben. Keiner spricht. Gezeichnet von der letzten peitschenden See, sitzen 8 übrig gebliebene Seeleute im Bauch unseres Schiffs, essen still Dörrfleischsuppe mit Schiffszwieback und befeuchten ihre Kehlen mit Rum oder Wein. Hinter uns liegt die Insel Martinique. 

Vor uns die Heimat Madeira. Die Öllampen flackern, das Besteck klappert und das Schlürfen der ausgehungerten Besatzung ist bis ans Deck zu hören. Der Mast hat den Sturm mit Mühe und Not überstanden. Der Vollmond breitet sein Licht über das Deck aus. Unsere Silbermünzen liegen auf den Tischen, goldene Kelche rollen im Schiffsbauch hin und her und die Gewürze verbreiten ihren besonderen Duft bis in den Bug. Ob Gold, Silber und Gewürze das Ertrinken 4 unserer Kameraden kompensieren können? Ich weiß es nicht. Im Moment sind einfach alle froh eine wohltuende Mahlzeit auf ihren Tellern zu haben. Euer Smutje João.

Auch wenn unser Smutje João und seine Geschichte frei erfunden sind – es hätte sich durchaus so abspielen können. Vielleicht habt ihr ja auch ein paar schöne Seemanns-Geschichten für uns. Als Fazit bleibt: Abenteuerliche Schatzsuchen gibt es heute keine mehr, dafür ist die Wahrscheinlichkeit auf ein Wiedersehen mit dem Festland um einiges höher als zu Zeiten von Kolumbus, da Gama und Magellan. Außerdem schmeckt das Essen heute in den Kombüsen bestimmt besser als vor 514 Jahren.

Titelbild © Food Photographer | Jennifer Pallian on UnsplashAndrew Neel on Unsplash
Weitere Bilder © Joel Bengs on UnsplashTimur Saglambilek on pexelsLukas Robertson on Unsplash

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